Rückreise mit vielen Stationen...

November-Dezember


13.12.2019 „…mit diesem Auto kannst Du um die Welt fahren!“

  • Stoßdämpfer für Spezialfahrwerk vorne
  • Wasserpumpe
  • Zahnriemen
  • Standheizung (Reparatur)
  • ABS Sensor und ABS Ring mit Radlager vorne
  • Kühler
  • Achsmanschetten r+l (radseitig)
  • schleichender Kühlwasserverlust
  • Achstragegelenke r+l völlig ausgeschlagen (Kommentar der Werkstatt vor Abreise: „Dieses Auto hätte damit niemals TÜV bekommen dürfen!“)

 

„…mit diesem Auto kannst Du um die Welt fahren!“, war der für mich damals ausschlaggebende Kommentar des Vorbesitzers, der meine Bedenken wegen Laufleistung und Einsatz des Fahrzeuges in seiner Firma, die Offroad Touren für 4x4 Fahrzeuge und Motorräder organisiert, schnell zur Bedeutungslosigkeit verkommen lies!

 

Heute, 4 Tage seitdem ich im Norden Deutschlands gestrandet bin, weil mir nach nicht mal 26.000 Kilometer seit dem Kauf des KFZ der Motor um die Ohren geflogen ist und ich Reise und Träume an den Nagel hängen durfte, muss ich schmerzvoll erkennen, wie klein doch offenbar die Welt geworden ist!

 

 „…mit diesem Auto kannst Du um die Welt fahren!“…

 

Heimkommen!...das sollte ursprünglich noch dauern! Statt Vorfreude, seine Familie wiederzusehen, statt runterzählen der letzten Kilometer bevor eine langgezogene Linkskurve den Blick auf mein Dorf preisgibt, ein Platz auf der Rücksitzbank eines Abschleppers, ein Hund, der alles gar nicht einordnen kann und den Kopf voller Sorgen und Probleme.

Nun bin ich wieder daheim!...wurde aus meiner Reise gerissen und wie ein geschundener Köter vor der Werkstatt in meinem Heimatdorf bei Nacht und Nebel klammheimlich abgeliefert fast ausgekotzt.

 

„…mit diesem Auto kannst Du um die Welt fahren!“

 

Nun die Frage an meine Freunde und die Homepage-Community:

Ich habe seit dem Kauf viel in das Fahrzeug investiert (…müssen) und viel entscheidender: Ich habe inzwischen eine emotionale Bindung zu meinem „Tiger“ aufgebaut.

Es schmerzt mich, ihn so flügellahm und weit ab seiner eigentlichen Verwendung irgendwo in meinem Dorf herumstehen zu sehen. Man würde mich noch mehr einen Sonderling nennen, denn oft verspüre ich am Morgen den Wunsch, bei ihm vorzuschauen, um zu fragen: „Na!...wie war deine Nacht?“

Ich brauche nun eine Werkstatt (…oder Schrauber) und einen Motor, denn eines zu finden wäre Glück, beides scheint mir gerade unmöglich!

Wer kann helfen oder hat einen praktikablen (!!) Ratschlag?

Zum Schaden kann ich nur folgendes sagen:

Extremes Rasseln im Motor, untertouriger Lauf, große Laufunruhe. Als meine Werkstatt gestern den Wagen zur Diagnose reinfahren wollte, sind sie einen Meter weit gekommen, dann stand alles.

Seitdem leckt er aus dem Bereich der Kurbelwelle mit Öl.

 

Fzg. Daten: Landcruiser J12 / Bj. 2006 / 122 Kw / Motornummer: 1KD-FTV / 3,0D-4D / Modell: KDJ 120L / 4 Zylinder / Automatik

 

LEBEN IST DAS WAS PASSIERT, WÄHREND DU ANDERE PLÄNE SCHMIEDEST! (John Lennon)


10.12.19 Abendspaziergang "Ellendorfer Heide"

Aktuell verweile ich zwar in Sachsen-Anhalt, habe aber heute mal einen Ausflug in den "Westen" gewagt und "rübergemacht".

Eigentlich hatte ich einen Besuch im Panzermuseum in Munster geplant und eigentlich sind das Panzermuseum und ich flüchtige Bekannte, denn letztes Jahr, als ich mit dem Motorrad aus Moskau kam, hatte ich schon einen Abstecher hierhin gemacht.

Aber Hochsommer, Hitze und Motorradbekleidung sind irgendwie schlechte Zutaten für einen Museumsbesuch, selbst wenn es sich um Panzer handelt.

Kurzum, in erstaunlicher Geschwindigkeit hastete ich damals durch die großen Hallen und am Ende ärgerte ich mich auch noch über mich selbst, über das irgendwie herausgeschmissene Geld.

Das Panzermuseum in Munster scheint sich inzwischen zu einem Trauma zu entwickeln, denn heute habe ich es nicht mal in die Nähe geschafft.

Ein strahlender Tag, die einige trübe ablöste, haben mich dann lieber einen ausgedehnten Spaziergang mit "Ingo" machen lassen.

Sehr gutes und dazu noch pazifistisches Kontrastprogramm!

 

(Übringes der Parkplatz der "Ellendorfer Heide" lädt zu einer freistehenden Übernachtung förmlich ein, daher hier die Koordinaten: N 52.59 135 / E 010.18 363)


5.12.19 POINT ALPHA

 „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen!..“

 ...diese überaus dreiste Lüge verbreitete DDR Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15.Juni 1961 in einer Pressekonferenz.

 Zwei Monate später wurde in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen!

 

5.12.19 POINT ALPHA

Es gibt Dinge, die brauchen einfach etwas länger! In diesem Fall dauerte es 19 Jahre, endlich mal Worten Taten folgen zu lassen und den wirklich sehr geschichtsträchtigen Ort POINT ALPHA keine 30km von der A7 entfernt zu besuchen.

19 Jahre bin ich mehrere Male im Jahr die A7 vom Süden in den Norden und zurück gefahren, 19 Jahre habe ich mir jedes Mal fest vorgenommen, an der Ausfahrt FULDA NORD den Blinker zu setzen und 19 Jahre fanden sich immer fadenscheinige Gründe, dieses nicht zu tun.

 

Jetzt, wo ich mich auf meiner „Reise in meine eigene Vergangenheit“ befinde , die mit der Teilung Deutschlands eng verwoben ist, soll es also geschehen, denn ich vertrete die Ansicht, dass es leider immer öfter vorkommt, dass der gemeine Deutsche sich in der Welt bestens auskennt und dort auch gerne versucht, belehrend sein Wissen an den Mann oder die Frau zu bringen, zumindest beim Dia-Abend mit Freunden und Nachbarn nach seiner Rückkehr im heimischen Wohnzimmer. Fragt man ihn aber nach der Anzahl der Bundeländer, die jüngere deutsche Gesichte oder gar die Teilung Deutschland durch die Alliierten und die dann draus folgende Wiedervereinigung, schaut man häufig in peinlich berührte Gesichter. Null, Nichts!

POINT ALPHA liegt direkt in der sogenannten „Fulda Gap“ (Fulda Lücke), die in der Hochzeit des kalten Krieges bis 1980 zwischen Nato und Warschauer Pakt den Bereich markierte, wo die Nato den Erstschlag des Warschauer Paktes mit Bodentruppen (auch mit Atomwaffen) erwartete, was eine Ausradierung Fuldas, später des dortigen Hinterlandes bis zum Ruhrgebiet und letztendlich ganz Deutschland zur Folge gehabt hätte.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Deutschland wäre in den Planspielen der Militärs nur ein Kollateralschaden gewesen.

POINT ALPHA bildete das Zentrum einer „Wespentaille“ und hatte damit eine besondere strategische Bedeutung zum Auftakt des 3. Weltkrieges. Auf beiden Seiten standen sich 150.000 Soldaten und (die Zahlen schwanken) bis zu 5000 gepanzerte Gefechtsfahrzeuge gegenüber.

Der Wahnsinn der Teilung Deutschlands wird hier noch heute durch eine weitläufige Außenanlage dem Besucher nahegebracht.

So nutzte ich den Besuch am Vorabend bei einem Freund in „Borsch“, um mir diese Anlage endlich mal genauer anzuschauen und auf mich wirken zu lassen.

Wer vor dem eigentlichen Besucherstrom da sein möchte, empfehle ich einen der Parkplätze (N 50.43 461 / O 009.56 006) zur Übernachtung, um dann am Morgen mit der aufgehenden Sonne die Grenzanlagen in einem Spaziergang zu erkunden. Der hier genannte liegt fern ab jeglicher Durchgangsstraßen an einem Wald.

Frisch war es in der Nacht dann schon, aber eine inzwischen reparierte Standheizung, viele Decken und ein herrlich wärmender Hund haben mich vor dem drohenden Kältetod bewahrt.

Jede Hausfrau (er/sie/es…wir wollen korrekt bleiben) würde wegen des allmorgendlichen Chaos im rückwärtigen Raum meines Autos die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und entsetzt „Tztztztztz!“ zischen, aber wir lieben alles genau so, wie es ist.

Fortsetzung folgt…!

  

Danke Florian Pagel für die super Standplatz Empfehlung!


Wallfahrtsort Altötting - Gnadenkapelle mit Schwarzer Madonna

17.11.2019


10.+11.+12.11.2019


9.11.2019


Dieses Foto von Antoni, dem Eremiten hat mich gestern erreicht.

Ich glaube, in diesem Foto steckt alles drin, was wir so empfinden!...


7.11.2019


Flucht aus ASERBAIDSCHAN / Berg ARARAT und „Game Over“


5.11.2019

„Mit diesem Auto kannst Du um die Welt fahren!“ Ich höre diesen Satz des Vorbesitzers meines Autos bei den Verkaufsverhandlungen vor einem knappen ¾ Jahr, als ob er gerade gefallen wäre. Dass im Umfeld unserer Bundeshauptstadt immer noch der Glaube vorherrscht, dass die Welt eine Scheibe ist, konnte ich nicht wissen. Ich bin nämlich nicht mal halb so weit gekommen, aber die Schilderung dieser ganz persönliche Horror Show hebe ich mir für später auf.

 

- tagelanger Dauerregen

- knöchelhoher Matsch mit der Konsistenz von Schmierseife, der trotz Allrad kaum zu bewältigen ist

- 400 DOLLAR (!) Strafe für „Keineahnungwas“

- eine Polizeipräsenz, die (subjektiv und mit einem Augenzwinkern betrachtet) nur darauf wartet, dass ich Rast mache, um mich   dann fortzuschicken

- ein Auto, was beschlossen hat, alle Extras und Features, die es beim Kauf teuer gemacht haben, durch intensive Werkstattbesuche noch einmal zu vergolden

- die Nachricht, dass eine Freundin in Kempten auf der Palliativ Station liegen würde und ich mich beeilen müsste

- und…als ob das alles nicht genügen würde, eine fiese Krankheit, die mich völlig aus der Bahn wirft

 

Ich habe immer gesagt: „Wenn mir die Lust abhandenkommt oder ein Land zwar mich, aber meinen Hund nicht einreisen lässt, haue ich den Rückwärtsgang hinein!“ Was sich für viele wie eine ganz normale Aneinanderreihung von Ereignissen liest, war für mich nach fast 11 Wochen auf 4 Quadratmeter Lebensraum das Signal, Worten Taten folgen zu lassen und die Heimreise anzutreten. Ich sehe schon das verständnislose Kopfschütteln der selbsternannten Experten, was mir jedoch recht wurscht ist, denn ich hatte nun mal diese Entscheidung getroffen, die auch ein Stück weit meinem Hund geschuldet war, denn ich befürchtete zur Beobachtung in ein Krankenhaus zu kommen, was eine unweigerliche Trennung von meinem Hund bedeutet hätte.

So war es ein beklemmendes, wie auch schönes Gefühl, als ich in eines meiner Navigationsgeräte, welches zuzusagen im Hintergrund mitläuft und mir immer die Entfernung zum Endziel angibt, meinen Kempten im Allgäu eingegeben habe.

Ich war die dann folgenden 3 Tage so angeschlagen, dass ich manchmal nur eine halbe Stunde fahren konnte, um dann völlig erschöpft 2 Stunden zu schlafen, wenn die örtliche Polizei mich ließ.

Mein Plan war direkt ohne rechts und links zu schauen, wenigstens wieder nach Europa zu kommen.

Die Grenzübertritte zurück nach Georgien und die Türkei verdienen hier keine besondere Erwähnung, weil sie unspektakulär waren. Bis auf eine Begebenheit, die ich hier noch schildern möchte, denn ich hatte sie bei jedem Grenzübertritt erwartet, aber es kam nie dazu: Die amtsärztliche Untersuchung des Hundes. Bei der Einreise von Georgien in die Türkei sollte das jedoch anders sein.

Ein so gut wie gar nicht englischsprechender Zöllner auf der türkischen Seite gab mir zu verstehen, dass ich nach seiner wirklich akribischen Untersuchung des Autos noch warten sollte. Nun, da der Inhalt aller Dachboxen ein munteres Stillleben rund um mein Auto bildete, sollte mir eh nicht langweilig werden, bis alles wieder verstaut war.

Nach fast 45 Minuten kam er dann zurück mit einem „Zivilisten“ im Schlepptau, der sich noch im Gehen Einmalhandschuhe überstreifte. Nur meinem Fieberwahn oder meiner ausgesprochenen Fantasie kann es geschuldet sein, dass ich sofort die Schlimmsten Befürchtungen von einer Leibesvisitation Modell „umsonst und draußen“ bis Zerlegung meines Autos wegen Drogen oder ähnlichen Mist, hatte.

An meinen Hund habe ich natürlich überhaupt nicht gedacht, aber genau DER war das Objekt der Begierde. Sehr routiniert wurden Mundschleimhäute, Gesamtzustand und sämtliche Papiere überprüft und nach Zahlung von 20,- Euro an den wirklich netten Veterinär konnte ich nochmal 30 Minuten auf eine Bescheidung warte, die INGO eine vorzügliche Gesundheit attestierte. Anmerkung: Dieses Dokument hat dann niemanden mehr interessiert.

So erreichte ich die TÜRKEI und da sich mein Zustand langsam besserte, wurde ich leichtsinnig und beschloss einen Schlenker zum Berg ARARAT zu machen, der von Anfang an auf meiner Wunschliste sowohl aus religiösen, wie auch aus politischen Gründen ganz oben stand.

Wer mit dem ARARAT (5137m und höchster Berg der Türkei), einen aktuell gerade nicht aktiven Vulkan, nicht anfangen kann, dem sei hier eine kleine Nachhilfestunde gewährt: Der ARARAT oder auch GROSSER ARARAT genannt war der Berg, an dem NOAH mit seiner ARCHE strandete, als die Wasser der Sintflut zurück gingen, so schreibt es zumindest das BUCH GENESIS 8,4 im ALTEN Testament. Sehen wir mal also von Adam und Eva ab, liegt hier die christliche Wiege der Menschheit.

Politisch hat er eine weniger ruhmreiche Geschichte, die allerdings nicht aus dem Reich der Mythen und Sagen kommt, denn sie ist schlichtweg wahr, auch wenn sich bis heute aus zweifelhaften Gründen die Bundesregierung von Deutschland sehr schwer tut, dieses anzuerkennen. Der ARARAT gehörte nämlich bis 1915 zu ARMENIEN, für die er bis heute ein Nationalsymbol darstellt. Dann begann das damalige OSMANISCHE REICH die 6 armenischen Provinzen zu „säubern“ und schicke die armenischen (christlichen) Bewohner auf Todesmärsche, denen, und da gehen die Schätzungen auseinander, insgesamt 300.000 bis 1.5 Mio Menschen aus ganz Armenien zum Opfer fielen. Fest steht, dass es der erste Genozid des 20. Jahrhunderts war, was bis heute noch von der türkischen Regierung vehement geleugnet wird. Es folge eine Annektion an das Türkische Reich und so liegt der ARARAT heute auf dem Staatsgebiet der Türkei.

Da auch die Grenze zum IRAN nicht weit ist und immer noch große Spannungen um das Gebiet herrschen, nimmt die Polizei und Militärpräsenz in dem Gebiet drastisch zu und jede noch so kleine Stadt im weiträumigen Grenzgebiet hat schwer bewaffnete Straßensperren, an denen jeder nicht nur kontrolliert sondern auch befragt wird.

 

All das kann jedoch nicht über die wundervolle Landschaft, aus der sich plötzlich der ARARAT majestätisch erhebt hinwegtäuschen. Noah war halt ein echter Genussmensch!

Einen wirklichen Wehrmutstropfen hatte jedoch der Abstecher dorthin, der einen langen Nachhall zur Folge hatte.

Die Straßen dort haben immer weniger Verkehr und so träume und trödele ich so dahin, als ich plötzlich mitten auf der Fahrbahn 2 Kadaver und einen Hundewelpen sehe. An den zermürbenden Anblick verwahrloster Hunde habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber dieses hier sollte eine andere Hausnummer werden. Bei Näherkommen sah ich einen überfahrenen Fuchs, an dem ein Welpe gerade die Rippen abnagte und direkt daneben lag ein Geschwisterpärchen des Welpen. Sicherlich haben beide an dem Fuchs ihren Hunger stillen wollen, einer wurde dann überfahren. Da ich eh zu den Menschen gehöre, die wenn es die Situation erlaubt, jedes tote Tier von der Straße ziehen und ich mir sicher war, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch der zweite Welpe überfahren wird, hielt ich an und beförderte Fuchs und Hundekadaver weit neben die Straße. Der verbleibende Welpe, ein Weibchen, freute mich so über mein Kommen, dass sie eine lange Pinkelspur hinter sich herzog und gleich auf den Rücken warf, um gekrault zu werden.

Man möchte in so einer Situation, dass die Zeit stehen bleibt und niemals der Moment kommt, wo man sich feige und hilflos fühlend in sein Auto Setzt, um die Fahrt fortzusetzen.

Aber dieser Moment kommt nun mal und mehr als eine große Portion Futter mit einem Knäul Elend zurückzulassen, bleibt mir nicht übrig, wenn man sich ohnmächtig wieder in sein Auto setzt, den Motor startet und sich dabei zwingen muss, nicht mehr in den Rückspiegel zu schauen.

Ich wünsche dir von Herzen, dass es einen Menschen geben wird, der es wert ist, dass Du sein Leben mit ihm verbringst!

Sei behütet!


2.+3.+4.11.2019

1.11.2019 aufräumen war heute morgen nicht drinne...


QOBUSTAN-NATIONALPARK / ASERBAIDSCHAN

Anfang November 2019

Meine Nacht am kaspischen Meer war außerordentlich unruhig. Der Wind nahm in der Nacht stetig zu, erreichte fast Sturmstärke und rüttelte an meinem Auto. Wie schon oft hier beschrieben, wird es eigentlich erst dann so richtig gemütlich, aber nur, wenn man sorglos sein kann, dass Unterhosen und Co, die am Abend auf die Wäscheleine gehängt wurden, dort auch bleiben und nicht am nächsten Morgen kunstvoll um irgendwelche Hindernis am Stand drapiert sind.

Also: Schlafsack auf, um den wenig verständnisvollen Hund herumgequetscht und raus, um zu retten, was noch zu retten ist. Alles flatterte munter auf seinem Platz und war schnell in Sicherheit gebracht. So wurde die “Kuschelstunde” mit INGO von 05:00 auf 04:00 vorverlegt und jeder verbrachte dann mehr oder weniger bequem den Rest der Nacht.

Ich wage jetzt einmal mich zu “outen” und den Begriff “Kuschelstunde” dem verwirrten Leser etwas näher zu bringen. Nachdem ich inzwischen 11 Wochen mit Ingo auf engsten Raum reise, er mein Kummerkasten, Reispartner, Motivator und Gefährte geworden ist und wir beide die uneingeschränkte Nähe gerade in der Nacht sehr genießen, hat sich recht bald ein Ritual herauskristallisiert, auf das wir beide nur noch ungern verzichten, auch wenn es mich räumlich auf ein Minimum das Autos einschränkt.

Eingedenk meines alten Berufes ist meistens morgens um 05:00 die Nacht für mich zu Ende. Daheim würde ich dann vielleicht etwas wurschteln, jetzt ist mein Daheim keine 4 Quadratmeter groß und daher sehr überschaubar. So haben Ingo und ich dann einvernehmlich irgendwann mal beschlossen, dass der Rest der Nacht doch eng aneinander gekuschelt viel einfacher zu ertragen ist. So beginnt dann auf meine Einladung “Na Ingo! Wollen wir kuscheln?” ein Martyrium, dass hier kaum zu beschreiben ist. Denn ich werde quasi dazu genötigt, mich fast hochkant an die Fahrzeugwand zu legen, um dem “Grafen” seinen ihm zustehenden Platz zu gewähren, der nach 5-7 mal kreiseln, eine Diagonale durch das Auto beschreibt.

Es lebe die Tierliebe!

Aber es ist herrlich und so verbringen wir jeder auf seine Weise bequem die letzten bis zum Morgen. Um kurz vor sieben ist dann die Nacht endgültig vorbei und wir strecken die Nasen aus dem Auto. Der Wind rüttelt noch immer, aber hat dunkele Wolken herangetragen, die nichts Gutes verheißen. Ich kenne dieses Wolkenbild aus meiner Heimat und rechne mit baldigen Regen (...und ich sollte mehr wie Recht behalten).

So braucht es wenig Selbstüberredung die sieben Sachen zu packen und nach einem ausgiebigen Strandspaziergang die Rückreise anzutreten.

Mein Weg führt mich an der Küste entlang in den QOBUSTAN-NATIONALPARK, der mit die höchste Anzahl von SCHLAMMVULKANEN in Aserbeidschan hat. Die will ich sehen!

Der Weg dorthin ist jedoch mühselig und die Straßen verlangen dem Fahrwerk alles ab. Es geht durch die endlosen Vororte von BAKU und Trabantensiedlungen, die sich daran anschließen und wenig entzückendes zu bieten haben, wenn man man von den unzähligen, sich monoton auf- und ab bewegenden Ölförderpumpen absieht, denn Aserbeidschan war schon immer (auch im 2. Weltkrieg) wegen seiner Ölquellen ein Objekt der Begierde für jegliche Aggressoren.

Nach wenigen Kilometern und viel Fahrzeit erreiche ich dann das Einfahrtstor zum Nationalpark, was wie so viele Sehenswürdigkeiten hier in Aserbeidschan mit einem bewaffneten Posten besetzt ist.

Ich komme gar nicht dazu mich zu erkundigen, was denn hier nun Sache ist, denn schon zerrt ein freundlicher Taxifahrer an meinem Ärmel, der mir wahrscheinblich aus den Augen abgelesen hat, dass ich mir die berühmten Schlammvulkane anschauen möchte.

Ein Guide ist immer gut, denke ich mir und nach einigen Verhandlungen über den Preis, wo wir beide versuchen dem anderen glaubhaft zu versichern, dass man quasi Mittellos ist und 10 Kinder durchzufüttern hat, einigen wir uns per Handschlag auf einen Preis, der mir fair erscheint. Wahrscheinlich hat heute der Typ das Geschäft seines Lebens mit mir, dem naiven Touristen aus Deutschland gemacht.

Sei’s drum, ich folge ihm, sehe manchmal nur noch eine Staubwolke aus der sein Lada dann wieder unvermittelt auftaucht und nach einer knappen halben Stunde kommen wir in einer Landschaft an, die für jedes Hollywood Studio die perfekte Kulisse für irgendeinen Mondlandungs-Blockbuster hergegeben hätte.

Mein Guide wartet schon auf mich, lacht bis über beide Ohren und mit einer ausladenden Geste, als ob das alles ihm gehören würde, stellt er mir diese einzigartige Landschaft vor.

So führt er mich von Vulkankrater zu Vulkankrater, versucht erklärende Wortfetzen auf Englisch und ich denke jedes Mal, wie wir ausschauen würden, wenn gerade bei meinem Glück sich eine dieser gewaltigen Eruptionen entfesseln würde, die bis zu 1km hoch in den Himmel schießen können.

So bleibe ich fast 2 Stunden auf meinem ganz persönlichen Mond und lasse ihn auf mich wirken, denn ich bin mir sicher, so etwas nicht mehr in meinem Leben wiedersehen zu werden.

Kurz überlege ich dort oben zu übernachten, aber eine innere Stimme hindert mich daran.

Und es war richtig wieder ins Tal zu fahren, denn in dieser Nacht setzte dann der Dauerregen ein, der den lehmigen Boden in eine nicht zu befahrene Schlammwüste verwandelnde, der jeglichen Ausflug neben eine befestige Straße trotz Allrad mit Festfahren quittierte und der mich 3 Tage begleiten sollte.

Aber dazu mehr, denn Fortsetzung folgt!