...wie "Kunigunde" zu "Korsika" wurde...

Es war einmal…! Das Märchen von Korsika…

Es war einmal…! So beginnen viele der Märchen, die den einen oder anderen Leser in seiner Kindheit begleitet haben. Meistens handeln sie von Prinzen, die einmal Frösche waren!... von Wölfen, die sich an wehrlosen Rotkappenträgern vergreifen oder bösen Hexen, die zu ihrer ausgeprägten Hässlichkeit auch noch kurzsichtig sind. Körperliche Gebrechen hin oder her… alle haben sie eines gemeinsam: Am Ende wendet sich alles zum Guten, gepaart mit einer großen Portion Lebensweisheit für das nun traumatisierte Kind.

Dass Märchen in meinem recht durchgetakteten Leben nochmals eine Rolle spielen sollen, hätte ich nie gedacht!... doch manchmal kommt es anders als man denkt und das ist auch gut so!

Aber es gibt auch richtige Märchen, die so phantastisch sind, dass man den Erzähler einen Münchhausen schimpfen könnte… und von so einem Märchen möchte ich erzählen.

 

Es war einmal…

Es war einmal eine Insel, die eigentlich keine war, sondern vor 11,5 Millionen Jahren beschloss, endlich mal ein eigenes Dasein zu führen und sich unter dem Namen „Korsische Platte“ vom Kontinent abzuspalten. Nun gut… wenn jemand nach Millionen Jahren beschließt, mal endlich selbstständig zu werden, wird´s auch mal Zeit.

Diesen Ausreißer nennen wir jetzt einfach mal Kunigunde! Kunigunde wurde langsam erwachsen und wie das gerne mal bei Frauen ist… sie wurde hübscher und hübscher. Und wie sie so hübsch im Mittelmeer herumdümpelt, tauchen Griechen auf, die endlich den Wert dieser Perle entdecken und nennen sie Kallisté („…die Schönste!“) oder Korsika, womit sie auch Recht hatten!

So wurde Korsika älter und älter und dabei hübscher und hübscher. Auf ihr lebten Dichter und etwas zu klein geratene Kaiser, die man dann sicherheitshalber nach Elba verbannte, auf ihr fanden Seeräuber Zuflucht und als die Seeräuberei auch nicht mehr das große Geld brachte, fanden die Bewohner Korsikas heraus, dass man den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen kann ohne ihnen eine Pistole auf die Nase zu setzen… einfach nur mit der Schönheit ihrer Insel. Eine weise Entscheidung!

Vielen Dank lieber Leser für die Geduld, denn nun komme ICH in´s Spiel, denn nun beginnt mein ganz persönliches Märchen.

Eine Reise nach Korsika stand eigentlich nicht auf dem Programm, schon gar nicht, da die Motorradkoffer aus Schottland noch nicht einmal ganz ausgepackt waren. Als ich Ende Mai beim gemeinsamen Abendessen mit einer mir sehr eng befreundeten Familie plötzlich das Angebot bekam sie kurzfristig mit nach Korsika zu begleiten, sah ich beim amüsierten Aufblicken in Gesichter… vor allem Kindergesichter, die keinerlei Zweifel zuließen.

Das Totschlagargument, was übrigens wissenschaftlich NICHT belegt ist, dass man „nur einmal leben würde“!... ließ keinen Widerspruch zu.

So habe ich es guten Freunden und einem mehr als großzügigen Chef zu verdanken, dass ich keine Woche später auf meinem reisefertig bepackten Motorrad saß und bei wolkenbruchartigen Regenfällen durch Österreich, Schweiz und Italien durch die Po-Ebene Richtung Fährhafen GENUA fuhr.

 

Auf den Korsika Fähren MUSS keine Kabine bei den Übernachtfahrten gebucht werden, wir beschlossen daher, bei sehr lauen Temperaturen die Nacht im Schlafsack auf Deck zu verbringen. So war schon vor Abfahrt der Plan und sollte auch genau so umgesetzt werden. Dass die Überfahrt aber alles andere als eine Sonntagnachmittagsbootstour werden sollte, kündigte sich schon beim Auslaufen aus Genua an. Heftige Winde, die man, als die Fähre den Schutz des Festlandes gegen 21:00 verlies, als stürmisch bezeichnen konnte, ließen das Schiff von einer Seite zur anderen rollen und die Gesichter vieler Reisender von gesund rosa auf krank grünlich wechseln. Für jemanden, der von der Küste kommt und die Bedeutung des Wortes „Seekrankheit“ erst googeln muss, sicherlich amüsierende Anblicke, aber wer befallen ist, verdient wirklich das volle Mitleid, denn diese Menschen können wirklich nicht leben und schon gar nicht sterben!

 

 

Die Nacht an Deck bekam dann wirklichen Abenteuer-Charakter, denn als ich irgendwann um 02.00 aufwachte, waren die Schlafsäcke von der aufspritzenden Gischt außen schon völlig durchnässt und ein Crewmitglied, daran kann ich mich im Halbschlaf erinnern, kam alle Stunde wie völlig zufällig vorbei, wahrscheinlich um durchzuzählen, ob wir vier noch vollzählig sind und nicht einer im Schlafsack die Rückreise über Bord angetreten hat.

Diese Überfahrt war jedenfalls das Beste, was ich in Sachen Seefahrt bisher erlebt habe und verdient daher einen Logenplatz in meinem Leben!

 

 07.00 sollten wir planmäßig den korsischen Fährhafen „BASTIA“ erreichen und damit nahm die erste Unwägbarkeit ihren Lauf!

 …kurz vor 07.00 gab die Crew dann den Zugang zu den Laderäumen frei, damit gerade die Motorradfahrer ihre Ausrüstung wieder verpacken und verzurren können. Gesagt, getan fanden wir uns bei tropischen Temperaturen bei den Bikes wieder und warteten reisefertig und gestriegelt auf das Beben, das das Schiff durchläuft, wenn es am Anleger festmacht.

Doch das bedrohliche Dröhnen der Schiffsdiesel beim Rückwärtsschub, wie das besagte Beben sollte geschlagene drei Stunden auf sich warten lassen. Als wir nach gut einer Stunde im Frachtraum alle hübsch gargekocht waren, wurden wir wieder ins Schiff gebeten und erst jetzt wurde dem Letzten klar, dass wir zwar in Sichtweite von BASTIA waren, aber das Schiff munter davor auf- und abkreuzte. Dieses Spielchen ging noch eine geschlagene Stunde so weiter, bis ein „Pilot“ Boot einen Lotsen absetzte. Warum man die Passagiere nicht vorher über diese massive Verspätung informierte, war nicht nur mir unklar… wahrscheinlich hatte man eine Meuterei befürchtet, an der man jetzt allerdings auch nur haarscharf vorbeischrammte. Was den Grat im Wettstreit des „Herumgrantelns“ anging, lagen Crewmitglieder und Passagiere gleich auf…

…dann ging alles sehr schnell! Wie in der biblischen Sage von Jonas und dem Wal gleich, gingen die riesigen hydraulischen Tore auf und die Fähre spuckte Fußgänger, Autos und Motorräder in den morgendlichen Verkehr von BASTIA.

Das ich hier sitze und das Erlebte beschreibe, kann nur einer Kerze geschuldet sein, die irgendjemand mal für mich angezündet hat, denn der als chaotisch bekannte südländische Fahrstil von Rollern und Autos hatte offenbar nur ein Ziel:… dass ich meines auf keinen Fall erreiche!

Wenn man sich die geografische Lage von BASTIA vor Augen hält, erkennt man, dass der Ort an der Ostseite einer Nase im Norden der Insel gelegen ist. Fahrt man also nördlich, ist man recht bald an der Küste, aber auch am Ende der Insel angekommen.

Mich zog es an die gegenüberliegende Seite der Insel, Richtung CALVI immer entlang der Küste,  die weniger durch Sandstrände, sondern mehr durch die atemberaubende Kulisse der Berge und Felsen geprägt ist, die in traumhaften Buchten am Meer enden.

Es dauerte dann nicht lange, da schlängelte ich mich entlang der Küste auf einer der hier so typischen Straßen, die nach jeder Kurve den Blick auf eine neue Landschaft freigeben.

Als ich am Abend nach einem Bad im Mittelmeer, das sich die Wildheit der vorherigen Nacht erhalten hatte und einem „Sundowner“ (…so nannten wir in Namibia das Feierabendbierchen) mit meinen Freunden, die ich hier wie verabredet auf dem Campingplatz LA MORSETTA bei der kleinen Ortschaft L ´ARGENTELLA treffe, in meinen Schlafsack kroch, war es da, das Gefühl angekommen zu sein, gepaart mit der Vorfreude eine Insel kennenzulernen, die mir über Tag schon einen Einblick in ihre Schönheit gewährt hat und auf die ich mich, entgegen meinen Gewohnheiten bei sonstigen Reisen, kaum vorbereitet habe.

 Da dieses Mal meine Zeit in vielerlei Hinsicht begrenzt war, verlagerte ich meine Erkundungen immer auf den frühen Morgen, um dann ab Mittag, wenn die Hitze am Größten war, die Zeit am Strand zu verbringen. Der Juni ist übrigens eine sehr günstige Reisezeit für Korsika. Im Mai kann es noch empfindlich kalt sein und ab Juli steigen mit der Zahl der Urlaubsgäste (Frankreich hat Ferien!) auch die Temperaturen und sind dann zum Motorradfahren nur noch bedingt angenehm.Eine Tagestour habe ich mir jedenfalls gegönnt, die… wenn man sie wirklich in Ruhe genießen möchte, ohne die Landschaft im Tiefflug erleben zu müssen… auch wirklich einen Tag in Anspruch nimmt. 

 

 

 

Der Kurvenwahnsinn zum COL DE VERGIOeine Tour der Superlative!

 

An diesem Morgen habe ich mich zum Leidwesen meiner französischen Zeltnachbarn um 06.00 auf den Weg gemacht und damit dem Klischee der deutschen Gründlichkeit gepaart mit Fleiß alle Ehre gemacht, denn wer um 06.00 auf den Beinen ist, kann unmöglich im Urlaub sein, sondern muss zur Arbeit. Zum einen wollte ich aber nicht vollends in der prallen Sonne fahren, zum anderen sind morgens die sehr engen und extrem kurvenreichen Küstenstraßen noch leer und bieten bei dem Flair der aufgehenden Sonne ein Maximum an Fahrspaß! FAHRSPASS… und das ist das geniale hier, beginnt mit dem Verlassen des Campingplatzes, der direkt an der Küste liegt und damit an einer der wundervollen Küstenstraßen mit ihren unzähligen Kurven.

Der Weg führt mich an GALERIA vorbei, was rechtsvon mir noch schlummert, über die Brücke des FANGU und taucht dann kurz in die Berge ein, um pünktlich oberhalb des Seeräuber- Nestes GIROLATA (das nur zu Fuß oder von See her zu erreichen ist) wieder auf die Küste zu treffen, um sich dann wild schlängelnd… man ist kaum in der Aufrechten!...bis nach PORTO fortzuführen. Der GOLF VON PORTO ist UNESCO-Weltkulturerbe und hat es auchverdient. PORTO selbst findet hier keine große Erwähnung von mir, weil ich es schlichtweg nicht mochte! Ich stehe nicht auf der Gehaltsliste des korsischen Fremdenverkehrsverbandes, deshalb darf ich das so sagen…touristisch extrem erschlossen und dann beim munteren Bauen von Bars und Hotels den Charakter eines verschlafenen Fischerdorfes total aus den Augen verloren!

... Also schnell getankt und bloß weg hier… ab in die Berge, in den gigantischen Wahnsinn! Der unbeschreibliche Kurvenreichtum bleibt Bild27…und damit die Location stimmt, wechselt die Landschaft im Kurventakt und erinnert einen an von Menschen noch nie betretene Berglandschaften in Südamerika. Ich musste unwillkürlich an die Szene in JURASSIC PARK l. denken, wo die illustre Gesellschaft mit dem Hubschrauber zu Beginn des Filmes die Insel erreicht.

Menschenfressende und säbelbezahnte Dinosaurier blieben mir erspart, es empfiehlt sich aber die Strecke mit viel Aufmerksamkeit zu fahren, denn hinter jeder Kurve können Kühe, Ziegen oder die wahnsinnig knuffigen, halb verwilderten Hausschweine auftauchen, die mit einer Ruhe die Straße überqueren, die keinen Zweifel daran lässt, dass SIE hier zu Hause sind…!

Nachdem man immer wieder von Schrotschüssen durchlöcherte Straßenschilder passiert hat …scheint ein Volkssport zu sein… nochmal einen längeren, schattenspendenden Kiefernwald durchfährt kommt plötzlich der Gipfel des COL DE VERGIO mit seinen 1477m. Von hier bietet sich ein weiter Blick nach Osten über die NIOLO-Hochebene mit dem CALACUCCIA Stausee (…wieder ein Superlativ: Größter und mit 800m höchster Stausee der Insel! Achtung! Absolutes Badeverbot, was mit empfindlichen Strafen durchgesetzt wird!) und nach Westen das Küstengebirge, von dem ich komme.

 

Was man in diesen Höhen und auf einer so kargen Insel nicht erwartet, sind die ausgedehnten Waldgebiete um den Gipfel. Es ist das (Aufpasst! Wieder ein Superlativ!) größtes zusammenhängendes Waldgebiet der Insel mit dem Namen FORET DE VALDU-NIELLU, was so viel wie „Schwarzwald“ heißt. Man vermutet, dass germanische Söldner in ihrem schmerzhaften Heimweh diesen Namen geprägt haben.

 

Nach vielen Windungen und unzähligen Eindrücken erreiche ich nach knapp 100km und angeblichen 980 Kurven dann CORTE, mein Tagesziel, wo ich noch lange in einem Café in einer verschlafenen Seitenstraße sitze, um mich an den Zustand der Vertikale wieder zu gewöhnen.

 …und ich mache ihn nicht, den häufig gemachten Fehler, der so ein Erlebnis dann „Inflationär“ werden lässt, um dann in der Erinnerung viel zu schnell zu verblassen! Ich nehme mir bis zum Abend die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, bevor ich mich in aller Ruhe auf den „Heimweg“ zu meinen Freunden mache, um bei meinem allabendlichen Bericht mit (man möge mir den Frevel verzeihen) einer Dose Bier bei Sonnenuntergang am Strand, den Tag mit leuchtenden Augen wieder und wieder zu durchleben.

 

 So vergingen die Tage viel zu schnell und die Stunde des schmerzlichen Abschieds von Freunden und vor allem von dieser Insel rückte näher.

 

 

Da die Fähre erst am Abend fuhr, sollte es auf dem Weg nach BASTIA noch ein würdiger Abschied mit dem Besuch des höchsten Berges der Insel dem MONTE CINTU (2706m) werden. Der Gipfel ist nur für geübte Bergwanderer mit entsprechendem Schuhwerk über ausgedehnte Geröll- und Schneefelder nach einem 4 stündigen Aufstieg zu erreichen, aber es führt eine gut ausgebaute Straße bis unterhalb des Gipfels, wo ich mich lange aufhalte, um auf meine Weise Abschied zu nehmen.

 

 

 

 

KORSIKA!...während ich dieses schreibe, wird mir erst bewusst, dass es vor 4 Wochen noch nicht einmal einen Platz in meinem Kopf hatte und es inzwischen mit Lichtgeschwindigkeit in mein Herz geschafft hat. Ich täte dieser Insel schlichtweg unrecht, würde ich mir anmaßen zu behaupten, sie „kennengelernt“ zu haben. Ich durfte gerade mal an der Oberfläche kratzen, das genügte jedoch, um von dem unter Motorradfahrern zu Hauf verbreiteten Korsika-Virus befallen zu werden.

…und so treffe ich jetzt und hier die Entscheidung, bei nächster Gelegenheit das Motorrad wieder zu packen, um eine neue Freundin zu besuchen! ...nur viel länger! ...weil du es wert bist! KORSIKA!

 


 

…und so endet diese Geschichte! Jörg kam tatsächlich im nächsten Jahr für 4 Wochen auf die Insel, um sein Versprechen wahr zu machen. Irgendwann bekam er ein neues Motorrad und tourte weiter durch die Welt. Korsika blieb noch lange dort, wo sie war, wurde immer noch hübscher und hat nach Jörg noch vielen, vielen Bikern unvergessliche Stunden und Erlebnisse geschenkt!

 

…und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie beide noch heute!

  © Jörg Finze 2017

Korsika: www.visit-corsica.com

 

Fähre: www.mobylines.de

 

Campingplatz: www.lamorsetta.net

 

www,joefi-motorrad-travel-tours: Tour im Juni 2017



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Kommentare: 2
  • #1

    SuSe (Sonntag, 02 Juli 2017 18:57)

    Sehr ansprechende Reisebeschreibung und amüsant. Deutsch 1!

  • #2

    joefi-travel-tours (Montag, 03 Juli 2017 04:59)

    Hallo SuSe!
    Vielen Dank für die Blumen! :-)...das Kompliment in Sachen "Deutsch" werde ich archivieren und beim nächsten Klassentreffen meinem ehemaligen Deutsch- und Klassenlehrer präsentieren, von dem ich zeitweilig den Eindruck hatte, er würde pädagogisch an mir scheitern!